Eschwege, Simon

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Quelle: Wochenblatt für die Provinz Fulda, 1832
Quelle: Wochenblatt für die Provinz Fulda, 1832

Die Eschweges sind eine der ältesten jüdischen Familien in Fulda, mit der Ansiedlung im 17. Jahrhundert, eventuell noch früher.

 

Simon Nathan nahm am 27. Dezember 1811 den Namen Simon Eschwege an.

  Sein Enkel Simon Eschwege, geboren am 3. Dezember 1799 in Fulda, heiratete am 15. Februar 1832 Malchen Trepp, geboren 1804 in Fulda.

Simon starb am 6. Februar 1885, Malchen am 13. November 1880. Beide wurden auf dem alten jüdischen Friedhof in Fulda beerdigt, der 1938 im Verlauf der Pogromnacht zerstört wurde.

Simon und Malchen hatten neun Kindern, die zwischen 1833 und 1847 geboren wurden.

Ihr Sohn Samuel, geboren am 28. November 1843, war von Beruf Zigarrenhersteller und in zweiter Ehe mit Fanny Schweiger, geboren am 2.5.1882 in Schopfloch, verheiratet.

Die Familie wohnte in der Mittelstraße 25.


Samuel starb am 5. April 1929 und ist auf dem neuen jüdischen Friedhof in Fulda beerdigt. Fanny starb am 6. März 1942 und liegt auf dem jüdischen Friedhof in Weyhers/Röhn begraben, ca. 12 km von Fulda entfernt. Die Stadt Fulda ließ den neuen jüdischen Friedhof im Oktober 1940 schließen und ordnete an, dass alle Verstorbenen von nun an in Weyhers beerdigt werden müssten. Fannys Beerdigung dort war die vorletzte.

Foto: privat
Gabriel und Regina Eschwege

 

 

Samuel und Fannys Sohn Gabriel Eschwege, geboren am 4. November 1878 in Fulda, heiratete am 27. Oktober 1910 Regina Michel, geboren am 4. November 1885 in Frankfurt.

 

 

 

Gabriel Eschwege diente für Deutschland von 1898-1899 in Muehlheim/Ruhr und während des 1. Weltkrieges in der Garnison  in Wetzlar.

 

Gabriel und Regine Eschwege hatten sechs Kinder:

Simon, geb. 28. September 1911

Juda, geb. 19. Juni 1913

Auguste, geb. 26. Juni 1915

Meier, geb. 2. Mai 1919

Benjamin, geb. 13. Dezember 1925

Felix, geb. 19. Oktober 1927

 

 

 

Auszug aus der Deporationsliste von Fulda nach Buchenwald am 10. November 1938.

Meier Eschweges Name befindet sich darauf.

Simon, Juda und Auguste konten rechtzeitig aus Deutschland fliehen.

Benjamin wurde von seinen Eltern im May 1939 mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit gebracht. Er beschreibt seine Zeit in Fulda und seine Gefühle, als er seine Eltern verlassen musste in seinen Memoiren. Diese befinden sich weiter unten.

Alle vier überlebenden Kinder fanden nach dem Krieg in Palästina wieder zusammen.

Foto: privat
von links nach rechts: Benjamin, Simon, Juda und Auguste
Quelle: www.statistik-des-holocaust.de
Auszug aus der Deportationsliste vom 31.5.1942 von Fulda nach Kassel und am 1. Juni 1942 von dort ins Vernichtungslager Sobibor.

Gabriel und seine Frau Regina wurden zusammen mit den Kindern Meier und Felix am 31. Mai 1942 von Fulda nach Kassel und von dort am 1. Juni 1942 nach Sobibor deportiert.

 

Der Zug stoppte in Lublin, wo männliche Juden zur Zwangsarbeit selektiert und ins Lager Majdanek transportiert wurden. Meier Eschwege war einer von ihnen und wurde von seiner Familie getrennt. Er wurde am 27. September 1942 in Majdanek ermordet.


Felix, 14 Jahre alt, wurde sofort nach seiner Ankunft in Sobibor am 3. Juni 1942 gemeinsam mit seinen Eltern in einer der Gaskammern ermordet.

Erinnerungen von Benjamin Eschwege

Zur Verfügung gestellt und aus dem Hebräischen ins Englische übersetzt von Veshaya Baror, Schwiegersohn von Benjamin Eschwege.

Foto: privat
Benjamin Eschwege, ca 1949

"Ich wurde am 13.12.1925 in Fulda geboren, mein Vater Gabriel und meine Mutter Rachel hatten noch fünf weitere Kinder.

Shimon wurde 1911 geboren, Yehuda 1913, Gustle 1915, Meir 1919 und Uri (Felix) 1927.

Fulda war eine kleine Stadt mit einer Bevölkerung von rund 300 jüdischen Familien, die meisten von ihnen religiös.

Es gab verschiedene Bildungseinrichtungen, darunter einen Kindergarten, eine Schule usw. Um 1935 wurde eine Jeschiwa (für jüdisches Höheres Lernen) mit Rabbiner Baruch Kunstadt als Leiter eröffnet. Rabbiner Kalman Kahana (später ein religiöser Führer und Mitglied des Parlaments in Israel) diente als Lehrer dort.

Unser Haus war ein typisches deutsches jüdisches Zuhause, das die strikte Einhaltung der jüdischen Praxis mit der Offenheit der allgemeinen Kultur verband. Mein Vater ging jeden Abend nach der Arbeit in eine Thora-Klasse. Ich ging in einen jüdischen Kindergarten und dann in eine jüdische Grundschule. Meine älteren Brüder besuchten die allgemeine höhere Schule, aber in meiner Zeit war es verboten, also konnte ich nur die Grundschule besuchen. Es gab dort drei kombinierte Klassen mit acht Lehrern, mit einem verkürzten Tagesablauf. Auf der anderen Seite hatten wir Klassen an den Nachmittagen organisiert, wo wir zu verschiedenen jüdische Studien lernten, die nicht in der Schule unterrichtet wurden.

Mein Vater besaß ein großes Geschäft für Maschinen und Werkzeuge. Mir wurde gesagt, dass der Laden bis zum Aufstieg der Nazis im Jahre 1933 anständiges Einkommen geleistet hatte. Sie haben die Deutschen daran gehindert, in jüdischen Geschäfte zu kaufen. Das erschwerte den Verdienst des Lebensunterhaltes immer mehr, so dass das Geschäft an Nicht-Juden verkauft werden musste.
Ich bin mir sicher, dass dies viel Empörung und Schmerz verursacht hat, da mein Vater ein Geschäft, das er gebaut und entwickelt hatte, verschenken musste.

Quelle: Stadtarchiv Fulda
Quelle: Stadtarchiv Fulda

 

 

Liste des versteigerten Hausinventars von Gabriel Eschweges Familie.

Die Versteigerung fand unter Leitung des Fuldaer Finanzamtes am 31. August 1942 statt. Die Käufer des von Familie Eschwege gezwungenermaßen zurückgelassen Besitzes, stammen alle aus Fulda und Umgebung.

Am Morgen der Pogromacht am 9. November 1938, wurden wir von der Schule nach Hause geschickt. Es herrschte eine Atmosphäre der Angst unter allen Juden. Am Abend haben die Deutschen die meisten deutschen Synagogen und auch unsere Synagoge in Fulda in Brand gesetzt. Die jüdische Schule wurde verwüstet, aber nicht verbrannt.

Alle Männer im Alter von 16-60 Jahren wurden in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Mein Vater war genau 60 und wurde so gerettet. Aber mein Bruder Meir wurde ungefähr sechs Wochen im Konzentrationslager festgehalten. Meir hatte seine Finger erfroren wegen des Aufenthalts im Lager, und die meisten mussten amputiert werden. Wegen der geforderten medizinischen Behandlung konnte er Deutschland trotz einer Lizenz nicht verlassen.

Die Verfolgung von Juden in Deutschland wurde schlimmer und die Menschen waren überzeugt, dass es dort keine Hoffnung für ihre Kinder gab und sie unternahmen alle möglichen Anstrengungen, sie außerhalb Deutschlands zu schicken.
England war bereit, eine bestimmte Anzahl von Kindern zu akzeptieren, unter der Bedingung, dass es eine Familie oder ein Institut gab, die bereit war, sie aufzunehmen. Ich bin in einer Gruppe von Kindern im Mai 1939, drei Monate vor dem Ausbruch des 2. Weltkrieges mit einem Kindertransport nach England gegangen. Ich bin mir sicher, dass dies eine sehr schwierige Trennung für
meine Eltern war. Für die Kinder, die meisten nahmen es hin, als ob sie keine Wahl hätten...

Eines Tages bekam ich einen Brief von meinen Eltern, durch ein Rotes-Kreuz-Schreiben. Sie sagten: "Wir werden bald reisen". Das bedeutete, dass sie in Kürze deportiert werden sollten. Dies war eine der seltenen Zeiten, in der ich in Tränen ausbrach.

Wir hörten nie mehr von ihnen und wussten nicht, wo sie und meine Brüder Meir und Bruder Uri (Felix) geblieben sind. "

Foto: privat
Benjamin Eschwege

Yeshaya Baror, dessen Vater einer der Staatsanwälte im Prozeß gegen Adolf Eichmann in Jerusalem war, sagt über seinen Schwiegervater Benjamin Eschwege:

"Darf ich hinzufügen, dass er bis zum hohen Alter im Kibbuz lebte, wo er als Schlosser arbeitete und immer beschäftigt und glücklich war mit seiner Arbeit und den täglichen Stunden des Lernens der Thora. Aber es fiel ihm nicht leicht, Emotionen zu zeigen und er sprach niemals über seine Kindheit und seine Jahre als  junger Mann. Aus meiner Sicht  lag das an seinen schrecklichen geistigen Wunden, die niemals verheilt sind.".